Theater im Wintersemester 1997/98

Eine Über­sicht über die letz­ten Auf­füh­run­gen der The­a­ter­grup­pe fin­den Sie auf der The­a­tersei­te.

Wie in jedem Semester hat sich die Theatergruppe der AMV Fridericiana auch in diesem Wintersemester wieder ein interessantes Stück vorgenommen:

„Halb auf dem Baum“ von Peter Ustinov

Diese turbulente Boulevardkomödie um den Generationskonflikt ist Ustinovs zeitkritischer Kommentar zu Jugendrevolte und Hippietum. Wegen der vielen aktuellen Bezüge nannte er sie ein »journalistisches Stück« General Fitzbuttress kehrt von einem langjährigen Auslandsposten zurück (wo er, wie er es formuliert, »gegen die britische Regierung kämpfte«), um in den Ruhestand zu treten. Erst jetzt erfährt er von seiner Frau, daß sein Sohn Robert von der Universität geflogen ist (weil er Störparolen rief) und Judy ein Kind erwartet (aber nicht weiß, von wem). Robert erscheint im Hippielook - nicht um den Vater zu begrüßen, sondern um sich zu verabschieden, da der General für ihn »all das verkörpert, was junge Menschen krank macht«. Judy schlägt in die gleiche Kerbe mit ihrem Vorwurf: »Du gehörst zu einer veralteten Generation«. Es zeigt sich jedoch, daß Fitzbuttress zwar alt und exzentrisch ist, aber keineswegs altmodisch oder verknöchert denkt. Verblüffenderweise hält er die Proteste der Jugend für berechtigt, fordert aber auch, daß sie sich wirklich voll für das Erreichen ihrer neuen Werte einsetzt, denn bisher scheint sie »Freiheit« nur als Egoismus, Befriedigung der eigenen Lust, Bequemlichkeit mißzuverstehen. Er als General ist konsequenteres Handeln gewohnt, daher verläßt er das Haus sogleich wieder, um fortan als Gammler frei sein zu können. Natürlich will er ein Exempel statuieren, doch bald macht ihm der neue Hippiestil echt Spaß- während die Familie schockiert ist. Die Kinder können sich nicht damit abfinden, daß er als Alter eine Lebensweise praktiziert, die sie für ihr Selbstverständnis als wesentlich erachten.

Nach diesem »Rollentausch« deutet sich jedoch ein konventioneller Ausgang des Stücks an. Während der Aussteiger inzwischen von der Straße in einen Baum umgesiedelt ist (was dank der Medien schon viele Intellektuelle zur Nachahmung angeregt hat). wo er mit einer jungen Schwarzen platonisch zusammenlebt, zeigen die Vorbereitungen zu einer Doppelhochzeit (3. Akt), daß Robert und Judy bereit sind. sich wieder in das bürgerliche Leben einzugliedern. Robert (jetzt mit Anzug und Krawatte) wird das norwegische Au-pair-Mädchen Helga heiraten, und auch Judy hat für ihren unehelichen Sohn in Basil einen Dummen als Vater gefunden. In die salbungsvollen Worte des Vikars platzt der nur mit einem Lendenschurz bekleidete Fitzbuttress zur Generalabrechnung mit allen Scheinheiligen. Nur der zunächst einfältig wirkende Basil kommt hierbei gut weg, entpuppt er sich doch als eiserner Pfadfinder und Sportlertyp, der Judys List durchschaut, aber überzeugt ist, daß er sie mit »Härte« zu einer guten Ehefrau machen kann. So hat sich durch Fitzbuttress übertriebene Provokation alles wie erwartet arrangiert, doch muß er zuletzt zugeben, daß jede neue Freiheit ihre Grenzen hat; »so hoch man auch steigt, im Geist ist man doch nur halb auf dem Baum«.

Die Aufführungen

... fanden im Februar 1998 in der Glückstraße 3 statt. Es wirkten mit:

General Mallalieu Fitzbuttress Klaus D. Schuh
Lady Doris Fitzbuttress Katrin Schönbeck
Judy Fitzbuttress Nicole Simon
Robert Fitzbuttress Matthes Egger
Lesley; Vikarin Claudia Althammer
Helga Rasmussen Verena Fischer
Brigardegen. T. Gilliat-Brown Hannes Egger
Basil Utterwood Christian Kallenbach
Regie Fabian Guillery
Technik Andrea Ch. Wellmann
Souffleuse Andrea Lachnitt
Maske Claudia Althammer, Andrea Lachnitt
Technikassistenz Andreas Brostmeyer
Bühnenbau Hannes Egger, Markus Krach,
Kathrin Schönbeck, Matthes Egger,
Andrea Lachnitt, Stephan Klemt
Bühnenbild Frau Gunda Guillery
Kostüme Frau Gunda Guillery, Schauspieler

Absatztrenner

Und so urteilte die Presse (Erlanger Nachrichten, Dienstag, 24. Februar 1998, Seite 4):

Den Schalk im Nacken 

AMV Fridericiana spielte Peter Ustinovs „Halb auf dem Baum“

Durch das Fenster sieht man ihn, den (gemalten) Baum. Auf dem wird später ein mehrfach ausgezeichneter, nunmehr pensionierter englischer General Platz nehmen, um - im entsprechenden Outfit - seinen erwachsenen, der Beatnik-Protest-Attitüde fröhnenden Kindern mit seinem neuen "Naturleben" zu zeigen, daß ihre ach so alternative Lebensform nur selbstgefällige Pose ist, die noch nicht einmal stark genug ist, die eigenen Widersprüche und Charakterschwächen erfolgreich zu übertünchen. Der vermeintliche Spießer entlarvt die Protestler als noch größere Spießer - die sind auf ihrem Anti-Establishment-Weg eben nur bis zur Hälft des Baumes gekommen.

„Halb auf dem Baum“ ist eine Komödie von Peter Ustinov, und das ist gut so, denn sonst wäre die Chose weit weniger vergnüglich ausgefallen und vor allem nicht so extrem listig. Im Boulevard hätte dieser Plot (zu Recht) vermuten lassen, daß bei all dem die eigenen Lebensverhältnisse zum Schluß wieder nur bestätigt werden würden, eine ranzige Moral hämisch ihr selbstgerechtes Haupt erhoben hätte. Ustinov dagegen meidet jedegliches Fazit, seziert genauer, entlarvt Meinungen, Positionen, Haltungen als pompöse Tapisserien, die, mit großem Kraftaufwand erstellt, von schmerzenden Wahrheiten ablenken sollen.

Die Theatergruppe der AMV Fridericiana spielt das sehr unterhaltsame Stück momentan in ihrem Haus in der Glücksstraße 3 ebenfalls sehr unterhaltsam: Zugegeben, das sehr dialogreiche Stück läßt nicht viel Raum für äußere Bewegung, dafür läßt Regisseur Fabian Guillery die Schauspieler seines hochmotivierten Ensembles zügig, mit beachtenswertem Timing, mit der Hilfe von Ustinovs fein gedrechselten Satzkaskaden übereinanderherfallen.

Fest hält Guillery das Szenengefüge zusammen, hält die schlitzohrig-ironische Dialogschlacht auf Kurs, erlaubt sich keine Durchhänger.

Die Amateurmimen, die sich gar keine Mühe geben, den Schalk, der ihnen im Nacken sitzt, zu verbergen, bringen vor allem die emotional-überreizten Affekte gut rüber, amüsieren sich selbst köstlich.

Eine runde, launige Angelegenheit, die angenehm unterhält und nicht belastet, denn Peter Ustinov ist ein leiser Spötter, ein sanfter Moralist. Heute abend spielt die Theatergruppe das Stück noch einmal um 20 Uhr in der Glückstraße 3.

Manfred Koch