„Die Universität zu Altdorf“ - Vortrag

Entstehung, Blüte und Ende einer fränkischen Universität – Semestervortrag von AH Joachim Lukas

Der Westflügel der Universität Altdorf

Ei­nes der wich­tig­sten Er­eig­nis­se der Nürn­ber­ger Ver­bin­dun­gen ist der Tho­mas­tag – auch die Er­lan­ger AMV fei­ert all­jähr­lich am Sams­tag vor dem Weih­nachts­fest den sog. Tho­mas­kon­vent und die da­zu­ge­hö­ren­de Knei­pe.

Im 17. Jahr­hun­dert wan­del­te sich das Fest zu Eh­ren des Kir­chen­hei­li­gen Thom­as: Die Stu­den­ten der reichs­städ­ti­schen Uni­ver­si­tät in Alt­dorf kam­en am letz­ten Sonn­tag vor Weih­nach­ten per Kut­sche oder zu Fuß nach Nürn­berg, um hier ihre Weih­nachts­ein­käu­fe zu ma­chen und an­schlie­ßend in der frei­en Reichs­stadt zu fei­ern, be­vor sie über Weih­nachten nach Hau­se fuh­ren.

Als 1806 die angesehene Nürnberger Universität in Altdorf aufgelöst wurde, über­nah­men die Studenten der 1743 gegründeten Universität Erlangen (heute: Fried­rich-Ale­xan­der-Uni­ver­si­tät Erlangen-Nürnberg) die Tradition des Tho­mas­ta­ges.

Jedoch nicht der Thomastag, sondern die wechselvolle Geschichte der einstigen Nürn­ber­ger Universität stand im Mittelpunkt des Semestervortrags.

Ihre höchste Bedeutung erreichte die „Freie Reichsstadt“ Nürnberg in der ers­ten Hälfte des 15. Jahrhunderts – doch erst als in Nürnberg die Re­for­ma­ti­on eingeführt worden war, wurde 1526 im ehemaligen, nun sä­ku­la­ri­sier­ten Egi­di­en­klos­ter ein Gymnasium gegründet.

Doch trotz guter Lehrer kam die Schule nicht recht in Gang, so dass man die Gelehrten trotz großzügiger Bezahlung nicht halten konnte. Auch nahmen die Schülerzahlen immer mehr ab, obwohl die Reichsstadt reichliche Stipendien für den gebührenfreien Besuch des Gymnasiums vergab.

Man überlegte, wie dem Mißstand aufgeholfen werden konnte und kam auf die Idee, die Anstalt aufs Land zu verlagern, damit die Schüler nicht durch das abwechslungsreiche Leben in der „Großstadt“ abgelenkt würden.

Gymnasium

Südostflügel der Universität Altdorf

Man entschloss sich, die Schule nach Altdorf zu verlegen und kauf­te in der Sil­ber­gas­se meh­re­re An­we­sen auf, wo man am 30. Sep­tem­ber 1571 den Grund­stein für das neue Gym­na­si­um leg­te – 1573 wur­de der Süd­flü­gel und 1575 der West­flü­gel fer­tig ge­stellt. Am 29. Juni 1575 wur­de das Gym­na­si­um dann fei­er­lich er­öff­net.

An Fä­chern wur­de eine brei­te Pa­let­te an­ge­bo­ten: Theo­lo­gie, Ge­schich­te, Ma­the­ma­tik, Zi­vil­recht und Rhe­to­rik.

Akademie

Das neue Gymnasium lief gut an, und die Schülerzahl wuchs rasch – so erhob 1578 Kaiser Rudolph II. die Anstalt zur Akademie. Damit erhielt Altdorf das Recht, die akademischen Titel Baccalaureus und Magister der Freien Künste und der Philosophie zu verleihen.

Gleichzeitig mit der Eröffnung der Akademie 1580 wurde das dritte Gebäude, der Ostflügel des Universitätskomplexes errichtet.

Universität

Gesamtansicht der Universität Altdorf Universitätsturm der Universität Altdorf

Trotz der Beschränkungen des Kaisers etablierte sich in den Jahren nach 1580 in Altdorf faktisch und nicht „de jure“ auch noch eine juristische, medizinische und theologische Fakultät – die Nürnberger strebten jedoch eine Voll­uni­ver­si­tät an. Am 3. Oktober 1622 unterzeichnete schließlich Kaiser Ferdinand II. in Wien die Stiftungsurkunde für die reichsstädtische Nürnberger Universität in Altdorf. Damit war die Altdorfer Schule den Universitäten in Köln, Wien, Tü­bin­gen, Freiburg, Ingolstadt und Straßburg gleichgestellt. Es durften nun zu­sätz­lich die akademischen Grade eines Lizentiaten und eines Doktors für die phi­lo­so­phi­sche, die medizinische und die juristische Fakultät vergeben werden. Nur den Theologen hatte der Kaiser das Promotionsrecht zunächst verweigert. Erst am 10. Dezember 1696 dehnte Kaiser Leopold in Wien das Promotionsprivileg auch auf die Theologische Fakultät aus.

Juristische Fakultät

Der Juristen-Hörsaal der Universität Altdorf

Wichtig und bahn­bre­chend – nicht nur für Nürn­berg, son­dern auch für das gan­ze Reich – war die Ar­beit der juris­ti­schen Fa­kul­tät. Alt­dorf war wohl eine der ers­ten Uni­ver­si­tä­ten, die sich über das Zi­vil­recht hin­aus mit dem öffent­li­chen Recht und da­mit mit dem Staats-, dem Lehns-, dem Polizei- und na­tur­ge­mäß auch mit dem reichs­städ­ti­schen Recht be­fass­te. Auf­grund der kon­fes­si­o­nel­len Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten muss­te man sich zu­dem mit dem ka­no­ni­schen Recht aus­ein­an­der­set­zen.

Im 17. Jahrhundert war die Arbeit dieser Fakultät für Kaiser und Reich sehr wichtig. Als Gutachter und Obergutachter im ganzen Reich hoch geschätzt, bediente sich selbstverständlich auch der Rat von Nürnberg dieser Professoren, wenn es um die Schlichtung von Konflikten mit anderen Landesherren oder Parteien ging, zumal die Stadt immer versuchte, mehr durch Verhandlungen, als durch kriegerische Auseinandersetzungen, Probleme aus der Welt zu schaffen.

Theologische Fakultät

Theologischer Hörsaal der Universität Altdorf Theologischer Hörsaal der Universität Altdorf, heute

Die wichtigste Fakultät für Nürnberg dürfte aber die Theologische gewesen sein. Obwohl man bereits 1524 die Reformation einführte, steuerte der Rat der Stadt in der Theologie einen sehr vorsichtigen Kurs, immer bemüht, auch in Glau­bens­fra­gen das be­nach­bar­te ka­tho­li­sche Kur­fürs­ten­tum und die Fürst­bis­tü­mer nicht zu pro­vo­zie­ren. So ent­wickel­te sich in Alt­dorf eine ge­mäßig­te und nicht starr or­tho­do­xe lu­the­ri­sche The­o­lo­gie, die auch außer­halb der Lan­des­gren­zen star­ke Be­ach­tung fand und schon bald von ei­nem Hauch von Auf­klä­rung ge­tra­gen wur­de.

Medizinische Fakultät

Anatomie der Universität Altdorf

Nicht durch spektakuläre Heil­er­fol­ge, son­dern durch na­tur­wis­sen­schaft­li­che Leis­tun­gen und Er­kennt­nis­se er­reg­te die me­di­zi­ni­sche Fa­kul­tät Auf­se­hen. Be­reits 1626 wird ein bo­ta­ni­scher Gar­ten zur Züch­tung von Heil­pflan­zen an­ge­legt und bis 1656 zum größ­ten sei­ner Zeit aus­ge­baut.

Im Jahre 1650 wird im Ost­flü­gel ein ana­to­mi­sches The­a­ter mit Bil­dern, Ske­let­ten und Prä­pa­ra­ten ein­ge­rich­tet, wie es nur we­ni­ge Uni­ver­si­tä­ten im Reich vor­wei­sen konn­ten.

Chemisches Labor der Universität Altdorf

Die bahnbrechendste Tat die­ser Fa­kul­tät aber war die Er­rich­tung ei­nes che­mi­schen La­bo­ra­to­ri­ums im Jahr 1682. Das La­bo­ra­to­ri­um war wohl das größ­te und be­deu­tends­te der da­ma­li­gen Zeit und auf Grund sei­ner mas­si­ven Sand­stein­qua­der­bau­wei­se, auch das si­cher­ste.

Die Chirurgie wird erst An­fang des 18. Jahr­hun­derts in Alt­dorf hei­misch. Die da­zu not­wen­di­ge Kli­nik ent­steht in An­fän­gen 1787 und hat­te in dem klei­nen Alt­dorf we­gen der zu ge­rin­gen Be­völ­ke­rung kei­ne große Chan­ce, da zu we­nig Pa­ti­en­ten zur Ver­fü­gung stan­den.

Philosophische Fakultät

Die vierte, die philosophische Fakultät musste alles abdecken, was in den anderen Fakultäten nicht gelehrt wurde. So waren in dieser Fakultät die Sprachen genauso angesiedelt, wie Mathematik und Physik, auch Geschichte, Geographie und As­tro­no­mie wurden hier gelehrt.

1651 bekam die Universität ein astronomisches Observatorium, das 1711 zu einer neuen Sternwarte ausgebaut wurde. Die Aufbauten auf dem Dach des Mit­tel­bau­es existieren heute nicht mehr.

Etwas mager war das Angebot der modernen Sprachen. Man bot nur ita­li­e­nisch und fran­zö­sisch an und das nicht immer. So errang die phi­lo­so­phi­sche Fa­kul­tät auch nie die Bedeutung der anderen drei Bereiche.

Personalia

Der berühmteste Professor war sicherlich der Mathematiker Johann Prätorius, der ab 1576 in Altdorf las und der Akademie bis zu seinem Tode im Jahr 1616 treu blieb. Er erfand die Wasserwaage und den Messtisch.

Auch über berühmte Studenten in Altdorf soll noch einiges gesagt werden.

An erster Stelle, Albertus von Waldstein, der sich als 15-jähriger, noch zur Zeit der Aka­de­mie, am 29. August 1599 zum Wintersemester einschrieb. Doch sein Auf­ent­halt in Altdorf war nur kurz. Er beteiligte sich an stu­den­ti­schen Aus­schrei­tun­gen und Raufereien mit tödlichem Ausgang. Bereits nach acht Monaten verließ der spätere Feldherr Altdorf freiwillig und wenig rühmlich, weil ihm sonst seitens des Rates und des Rektors die Relegation gedroht hätte.

Der wissenschaftlich bedeutendste Student dürfte Gottfried Wilhelm Leibniz gewesen sein, der zwar in Leipzig studierte. den man dort wegen seiner Jugend nicht zur Promotion zuließ. Er erwarb im Jahr 1666, erst zwanzigjährig, das juristische Lizentiat. Die ihm sofort angetragene Professur in Altdorf schlug er jedoch aus.

Ebenfalls in Altdorf studierte der in Nürnberg geborene Kirchenmusiker Johann Pachelbel, dessen Kanon in D-Dur weltberühmt ist.

Das Ende

Als Nürnberg 1806 vom Königreich Bayern übernommen wurde, hatte die Stadt hohe Schulden – wegen der finanziellen Verhältnisse konnte man sich eigentlich keine Universität mehr leisten.

Und der nun zuständige Minister Montgelas strebte eine Zentraluniversität in München an, die alle Bereiche abdecken sollte. So wurde die Universität am 25. September 1809 per Dekret aufgehoben. Der frankenfeindliche Montgelas versuchte, auch die Erlanger Universität zu schließen, was ihm jedoch aus kirchenpolitischen Gründen nicht gelang.

Mitte des letzten Jahrhunderts wurde die Universität mit einigen Fakultäten von Er­lan­gen auch auf Nürnberg ausgedehnt und heißt jetzt Friedrich-Alexander-Uni­ver­si­tät Erlangen-Nürnberg.

Die Gebäude der ehemaligen Universität gehören heute der evangelischen Di­a­ko­nie, die dort ein Heim für behinderte Menschen unterhält.

Text und Bilder von Werner E.