Fool’s Garden
2. Juni 2010Jetzt sitze ich schon eine geraume Zeit in meiner neuen Behausung. Vielleicht ist es für euch interessant, zu erfahren wie es dort ist, zumal Stimmen laut wurden, ich solle mal wieder etwas in den Block (!) schreiben. Also ich wohne im Parterre, was mir altem Mann (gefühlte 80 Jahre, es gibt keine Zeit ^^[, also kann man sie sich auch nicht nehmen]) sehr entgegen kommt, weil man da nicht so viele Treppen steigen muss: Einkäufe müssen nicht mehr, wie zuvor, zusätzlich zur Horizontalen auch noch in der Vertikalen bewegt werden. Besonders toll finde ich den Hausflur: der sieht meiner Meinung nach aus wie in einer Jägerklause, mit Fachwerk und weiß getünchten Wänden, ein Acrylbild hängt an einer Wand, den Blick eröffnend auf eine Treppe in einer mediterran wirkenden Stadt. Ein ehernes Rad mit flammenförmigem Leuchtobst sorgt für Licht…meine Eltern hingegen haben nur die nicht unterirdisch verlegten Stromleitungen gesehen, sowie die schlechte Qualität des Putzes (Fachwerkstil eben…), aber was wissen die schon…
Die Wohnung, in der ich lebe, hat in jedem Raum ein Fenster (außer in der Stube, da gibt es zwei). Durch diese Fenster kann ich in den Garten schauen. Meiner spanischen, in England verlobt lebenden Bekannten habe ich neulich von dem Ausblick vorgeschwärmt. Besonders schön ist es dort, wenn es regnet, danach aber gleich die Sonne einen Blick durch die Wolken wagt. An den Büschen vor meinen Fenstern (oh herrlicher Schatten, oh Kühle in Sommers Hitze!^^) hängen dann Regentropfen und werden zu Osterschmuck verwandelt: zu gleißenden Edelsteinen, die sich zu Topasen, Smaragden oder Rubinen färben, je nachdem, wie ich hinschaue. Dabei höre ich immer wieder einen meiner Bundesbrüder in meinem Kopf, der mich fragt, ob ich mit meiner Magisterarbeit schon fertig bin und bekomme ein paranoid schlechtes Gewissen (wenn ich mir überlege, dass sich manche keine vier Monate für so ein Unterfangen Zeit nehmen – ich weiß nicht, ob ich das bewundern soll oder schon beim Umriss dieser Gedankengestalt einen Nervenzusammenbruch bekommen…)
Aber dann schaue ich doch wieder aus dem Fenster und die Edelsteine haben sich in Sterne verwandelt: liebe Freunde, der Himmel ist grün. Die Vögel sitzen in Sturmgewölbes Spalten und die Welt geht nicht unter, auch wenn zehn Sterne vom Himmel fallen. Dem Volksaberglauben entsprechend hätte ich dann zehn Wünsche frei. Unser leidtragender Präside weiß, was ich mir wünsche. Der musste sich das vor allem im seisten Semester immer wieder anhören und nun muss er sogar noch einen sehr unmännlichen Text von mir lesen (Daniel, du bist auch nicht vergessen). Aber, ich wünsche mir für dich Erleichterung, wenn mal wieder eine Sternschnuppe aus dem grünen Gewölbe fällt. Dann hüpfen Sperrling und Spatz draußen auf der Wiese umher und die schwarz-weiße Elster mit ihrem bläulich-grün-purpur schimmernden Gefieder…
Hier ein Einschub: Wie die Elster in die Welt kam
Die Sternschnuppen fielen vom Himmel. Die Sonne durchstach sie jedesmal, wenn sie fielen. Die Erde schrie nach ihnen, um ihren Durst zu stillen, den ihr die Sonne gebracht hatte oder um ihr die ersten wärmenden Boten des Frühlings nach kalter Winternacht zu senden.. Da fielen die Tropfen in Myriaden gleißender Scharen und mit ihnen fielen Farben auf den winterdörren, schneebedeckten Grund. Unter den Tropfen aber war ein besonders großer und lichtdurchfluteter. Der traf in jugendlicher Wärme und Lust auf den Firn alten Schnees und drang in ihn ein bis er die schwarze, fruchtbare Erde erreichte. Aus dem Wasser und dem Schnee und der Erde wurde so die Elster, die in ihrer Gestalt und Färbung den Winter noch bis in den Hochsommer trägt und doch die schillernden Farben des Frühjahrs, den man dann sogar an reifkalten Wintermorgen auf ihr funkeln sieht. Darum liebt die Elster alles Funkelnde und Schimmernde, weil sie einen Schatz sucht, über den sie sagen kann: „Seht, genauso bunt sind meine Federn!“ Aber sie wird wohl umsonst suchen, weil ihr Gefieder einzigartig ist und von Menschenhand geschliffener Edelstein ihr nicht ebenbürtig. Der Regentropfen aber, noch vergänglicher als die kurzlebige Elster, ist ihren Augen entfallen eh sie seiner inne werden mag und mit ihm die Farbmyriaden, die einmaligen.
Dem Schöpfer sei Dank für diese Schönheit!
Manchmal sitzt ein Weibchen auf der Wiese vor meinem Fenster (nur wenn es warm ist (also heißer als 25 ° C), sonst sitzt es zitternd, dem Michellinmännchen gleich, in Decken, Pullover, Winterjacken, Strickjacken, Wollsocken, Schals, Westen, eingehüllt inseinem Zimmer, die Heizung auf 5 und eine Tasse heißen Früchtetee auf dem Tisch. Ihm ist immernoch kalt und wenn ich das niedlich finde, tut es so als ärgerte es das. Dann wäre der Moment gekommen, ihm von meiner inneren Glut abzugeben…es würde ihm bald so heiß, dass ich mir auch die Augen reiben würde, wie schnell sie aus ihrer Puppe raus ist und mir ihre Schmetterlingsflügel zeigt, die zarten…)
…aber da ich ein echt netter Kerl bin…, sitze ich nur in meinem Zimmer und stehle dem Weibchen die Zeit, wenn es draußen warm ist. Dann setze ich mich zu ihm und erfreue mich an ihren Augensternen und ihrem Lächeln, das ich schlürfe wie einen kühlen Kirschsaft in der Sommerglut, der mit Rosenextrakt in einem silbernen Pokal gereicht wird, an dem der Tau herunterläuft…
Und dann laden mich die Weibchen, die niedlichen, herzallerliebsten ein, mit ihnen abends zusammen zu grillen und ich stehe vor der Frage: „Gehst du heute abend dahin oder schaust du mal wieder zuhause vorbei, in der Verbindung?“ Und ich entscheide mich, in die Verbindung zu gehen: dort treffe ich meinen Leibburschen (selten), meine Bundesbrüder, Externe und Hoffnungen und alle Vorfahren von Anbeginn an. Sie rufen mich schon. Sie fordern mich auf, meinen Platz unter ihnen einzunehmen. Hinter den Toren der AMV, wo die Tapferen ewig feiern…
Dann muss ich nachts fort und mich losreißen oder, wie man mir mit Schulterklopfen rät, loslassen…
…aber ich kann nicht, habe schon zu lang im Loslassen verweilt, das Gegenteil, das vom Loslassenkönnen vorausgesetzt wird, habe ich nie richtig geübt und komme wieder!