Topiasz Rewthern kösztlih Sczaz Kesztleyn: Mein schönstes Studienerlebnis
26. Januar 2011Im Laufe meines Studiums habe ich mir eine Schatzkiste ersammelt. Im damaligen Plus, heute Netto, gab es Schokolade zu kaufen. Es handelte sich hierbei um Taler mit hohem Kakaoanteil, bittere Schokolade also. Ich erinnere mich, dass die Taler einen steigenden Bitternisgrad hatten: die mildesten fingen mit 30 % an, die bittersten Taler hatten 85% und waren damit selbst mir, der ich eigentlich ganz gerne hin und wieder bittere Schokolade esse, zu steil. Eine gewisse Studentenverbindung, könnte ich mir vorstellen, isst 85 %ige Bitterschokolade, nachdem das Bier zum Kommers ausgegangen ist und verteilt solche Taler an Coleurdamen, wenn sie zur Semesterparteý gefügig gemacht werden sollen, und zwar anstelle von anderen harten Drogen…ganz schön steil. Jedenfalls bin ich nur halb so steil. 85 % Kakao sind mir zu viel, außerdem müsste ich dann hinterher eine Flasche Apfelsaft ad profundum trinken zum Ausgleich. Besser als die Schokoladentaler fand ich damals jedoch die Verpackung: es handelte sich hierbei um Holzschachteln, denen von Zigarren ähnlich. Und solche Schachteln faszinieren mich in ihrer Schlichtheit und dadurch, dass man sie aufmachen und wieder schließen kann. Außerdem kann man allerlei Plunder hinein tun. So habe ich mir insgesamt drei Schachteln mit Schokoladentalern gekauft, von denen ich nur eine verschenkt habe. Eine der beiden Schachteln befindet sich bei mir in Erlangen und diese Schachtel nenne ich meine Schatzkiste. Ich glaube, ich könnte eine ganze Serie von Blog-Einträgen beginnen, wenn ich die Geschichte jedes einzelnen Schatzes in meiner Kiste erzählen würde (oder ich lade mir eine weibliche Gesellschaft ein und kaue ihr einen Abend lang ein Ohr ab über jeden einzelnen Artikel meiner Schokoladendose…welches Mädel kann da widerstehen…?). Bei dieser Gelegenheit möchte ich bei dem Schatz bleiben, den ich am besten in Erinnerung behalten habe.
Ich habe die Tätigkeit als Hilfskraft bei meinem Professor in der Nordistik sehr genossen, bevor ich nach Finem terrae gegangen bin. Dabei handelte es sich um zwei mal zwei Stunden in der Woche, während derer ich in einem kleinen Raum, vollgestopft mit isländischen Büchern, vor einem aus dem digitalen Bronzezeitalter stammenden Rechner gesessen und schwedische und norwegische Bücher registriert habe. Das war eine tolle Aufgabe! – das sage ich ohne Verlogenheit und Ironie. Es war zwar manchmal schwer, die alten Kennungen von den Buchrücken zu lösen ohne die Bücher zu verletzen, aber irgendwie war es auch eine unglaublich entspannende Tätigkeit: man sitzt in dem kleinen Raum, draußen sieht man auf einen Parkplatz mehrere Bäume und da es im Sommer ist und ich leider unter starken Kopfschmerzen leide, genießt man die angenehme Kühle des Raumes, in der keine Musik zu hören ist, noch Gegacker, noch Straßenlärm. Nur das ruhige Singen des Festplattenlüfters dringt an mein Ohr und das Knacken meiner Nackenwirbel, wenn ich beinahe unbewußt glaube, mit einer Verrenkung die Kopfschmerzen über den Nacken entfernen zu können. Und dort habe ich gesessen und Bücher registriert: das Buch wird aufgeschlagen, die Finger streichen über das Papier, spüren seine Struktur, seine glatte Jugend gebleichter Zellulosefasern oder seine rauhe, herb duftende Reife vergilbter Blätter. Auf das Frontispiz oder das Vorblatt wird die Kennung des Buches mit Bleistift geschrieben, der zärtliche Klaps des Besitzvermerksstempels des Instituts auf Vorblatt und eine der mittleren Seiten schließt die Registrierung des Buches ab, das in einer Datei auf dem Rechner vermerkt wird. Bei einer dieser Begegnungen fiel mir ein rotes Buch in die Hände, das etwa Format A5 haben musste. Ich erinnere mich leider nicht mehr, worum es in diesem Buch ging, ein tragisches Sinnbild für die häufige Oberflächlichkeit im Leben. Es mag sein, dass es um Strindberg ging. Ich blättere also das Buch auf und will ihm seinen zweiten Stempelstoß verpassen, da rieseln acht kleine Federn zwischen den Seiten heraus. Keine von ihnen war länger als mein kleiner Finger, zur Halben waren die Lamellen von dunkler, braungrauer Färbung, zur Halben schillerten waagerechte blaue,weiße und schwarze Streifen. Ich würde die Federn einem Eichelhäher zuordnen. Ich habe sie meinem Professor gezeigt und sie mitgenommen, um sie in meine Schatzkiste zu legen.
Dieses Sinnbild vergleicht sich sonst nur mit dem Blick aus der Germanistikbibliothek im 5. Stock des B-Turmes: einmal im Sommer, am Anfang meines Studiums war eine der letzten Woyzek-Aufführungen ausgebucht. Ich saß neben einer jungen Dame und studierte das Programmblatt bis ich von ihrer Freundin angesprochen werde, die eben den Kneipsaal betreten hat und ihre Bekannte enthusiastisch begrüßt. Mit großer Freundlichkeit und Bereitschaft, mich um den kleinen Finger zu wickeln, werde ich vom Platz gestoßen und muss aufstehen, um nicht unhöflich zu erscheinen. Da ich mich damals ein wenig und oberflächlich, dafür jedoch sehr dringend für William Blake interessierte, habe ich mir gedacht: da nun leider kein anderer Platz frei ist in dem stark von enthusiastischen Schauspielerfreundinnen aufgefüllten Kneipsaal, entschließe ich mich, mein Abendprogramm zu ändern. Damals waren die Öffnungszeiten der Bibliotheken verlängert worden und zwar bis 21.30 Uhr. Also sage ich mir: schau mal, ob es bei den Germanisten eine Ausgabe von William Blake gibt. So begebe ich mich in den B-Turm und finde dort auch die besagte Ausgabe. Ich habe sie dann auch wieder zurückgestellt ins Regal. Wesentlich interessanter ist die übrige Atmosphäre, wo aus den großen Fenstern des Turmes der Blick in die Ferne schweifen kann. Eine Universitätsbibliothek, die mit unzähligen Büchern vollgestopft ist und mitten im Lärm einer großen Straße steht, eröffnet die Möglichkeit eine geniale Landschaft zu sehen. Dort erkennt man den rotgoldenen Burgberg und spürt milde Sommerabendluft durch die halb offenen Fenster, trotz der Industriegroßstadt rings herum (dazu würde Pachelbels Kanon gut klingen). Wenn mich jemand fragen würde, wie oder was eine Bibliothek ist, wäre dieses Bild wohl das am besten geeignete. Sonst sind mir nur die Lichtdioden an den nackten Zweigen vor meinem Fenster geblieben, die nach dem Regen in der Winterdämmerung im kalten Wind leuchten.
tobiasR